Arbeit von superposition collective.
Bild und Text können als überlagernd erfahren werden.

 


stay connected/
Sukkulent

Bild: Tom Bachler
Text: Marcella Grünwald

 

And you have no idea
No idea how it feels to be on your own
In your own home with the fucking phone
And the mother of gloom
In your bedroom standing over your head
With her hand in your head
With her hand in your head

(Martha Wainwright)

 

Wir sind an einem Scheideweg, wir sind ständig an Scheidewegen; wir sind angesichts eines außer Kontrolle geratenen Teilchenbeschleunigers: nur halb bei Bewusstsein, gekrümmter Nacken, Knöpfe im Ohr, die Aufmerksamkeitsspanne niedriger als die eines Goldfisches (neun Sekunden); die einzige Möglichkeit, den Blick zu heben, wahrzunehmen, im hier und jetzt zu sein, besteht darin, in unmittelbarer Gefahr für Leib und Leben zu sein; dass uns alles um uns herum mit einem sehr lauten Knall um die Ohren fliegen könnte – und das auch nur, wenn wir der hautnahen Gefahr zualleroberst überhaupt gewahr werden, bevor es zu spät ist. Bumm!

Wir sind keine Tiere, wir besitzen ein Ich-Bewusstsein, wir können über das Universum nachdenken, wir haben Atombomben gebaut und Überschallflugzeuge und der Teufel weiß, was genau ein Broker an der Börse tut oder ein Geheimdienstmitarbeiter. Trotzdem bluten wir, wir schwitzen, wir müssen schlafen, wir müssen essen und trinken, wir welken, werden krank und sterben. Wir degenerieren und haben all unsere Instinkte eingebüßt.

Wir sind keine Maschinen und trotzdem ist da dieser Game Changer, der uns dazu gebracht hat, mit Bildschirmen zu reden, mithilfe von Tastaturen zu schreiben, mit einem Headset im Auto zu sitzen, mit einem Mausklick einzukaufen, mit dem Smartphone einzuschlafen, mit einem kleinen, gelben Mondgesicht Gefühle auszudrücken, ohne Warnhinweise, Gebrauchsanleitung oder Vorankündigung. Bisphenol A. Lithium. KI. Fake News. NSA. Diazepam. Repeat.

Für all die Abende, an denen alle vier Wände deines Zimmers auf dich einzuströmen scheinen, an denen dein Telefon nicht klingelt, an denen der offene Kühlschrank – gähnend leer – wie eine Fratze hö­hnt und das einzige Geräusch, dass die Stille zerreißt, die kaputte Fensterlade macht, die vom Wind in regelmäßigen Abständen an die Mauer geworfen wird: Wir regenerieren, Mensch, Haut, Hybrid.

Im Grunde sind wir nichts anderes als Sukkulenten; wir können zwar lange ohne Wasser auskommen, aber nur eine begrenzte Zeit der Dürre ertragen; dieses Wasser, das in unserem speziellen Fall auch Wärme und Licht ist und Liebe – Liebe! – dieses große, bis zur Unerträglichkeit missverstandene und missverständliche Wort; physisch, fleischlich, alternativlos in seiner Signifikanz: eine Hand, ein Paar Augen, eine zarte Geste, ein gehauchtes Wort, einen kurzen Augenblick nur warm an der Ohrmuschel.